«inside» Nr. 2 / Dezember 2023

Siedlungen / Rückblick

Wo Kreise sich schliessen – Ein Rückblick

Gemeinsam hatten die Baugenossenschaft Letten (BGL) und Röntgenhof (GBRZ) die Bewohnenden Ende September zu einer Austauschveranstaltung ins Hotel Krone Unterstrass eingeladen. Das Hotel Krone war schon einmal Schauplatz für eine gemeinsame Veranstaltung. Vor rund 80 Jahren schon hatte die Vertreter der beiden Genossenschaften dieselbe Absicht zusammengeführt: gemeinsam etwas Besseres zu realisieren.

Die Wiedinghof, gegründet 1928, hatte bis dato äusserst erfolgreich drei Kolonien mit insgesamt 300 Wohnungen realisiert, um zu helfen, die damals bestehende Wohnungsnot zu lindern – die drei Kolonien werden nach der Fusion mit der GBRZ heute als Siedlungen 21 bis 23 geführt. 54 Wohnungen an der Kalkbreite-Stationsstrasse wurden als 1. Kolonie Ende 1928 bezogen. Bereits im Frühling 1930 erfolgte der Einzug in die 2. Kolonie mit 104 Wohnungen inmitten schöner Grünanlagen an der Halden-, Friesenberg-, Talwiesen- und Riedmattstrasse. Die Kolonie 3 mit 143 Wohnungen in 24 Häusern an der Buchegg-, Guggach-, Langacker- und Spitzackerstrasse wurde 1931/32 bezogen. Auch der Leistungsausweis der BGL verdient grossen Respekt: Seit ihrer Gründung 1922 erstellte sie bis zum ersten baulichen Stillstand 1933 505 Wohnungen.

Aufruf seitens der Behörden zu Solidarität und Mithilfe
Am 14. Mai 1943 fand unter dem Vorsitz von Stadtrat Peter, dem Präsidenten der Zürcher Wohnungsbaukommission, eine Besprechung mit den Vertretern einiger Baugenossenschaften statt. Eindringlich wurde die Bekämpfung der herrschenden Wohnungsnot erörtert. Der besorgniserregende Wohnungsmangel und die grassierende Obdachlosigkeit von Familien bereiteten den Behörden Sorgen. Sie appellierten an die geladenen Baugenossenschaften, durch Neubauten die beständig anwachsende Wohnungsnot zu lindern. Die Not war gross. Der Ausbruch des Kriegs hatte die Generalmobilmachung der männlichen Bevölkerung, Arbeitslosigkeit und eine deutlich verminderte Kaufkraft mit sich gebracht. Die Schweiz, zunehmend von Importen aus dem Ausland abgeschnitten, hatte Essens- und Brennstoffrationierungen, Stromeinschränkungen sowie Luftschutz- und Verdunkelungsvorschriften eingeführt. Sie versuchte, mit der Anbauschlacht die Selbstversorgung des eigenen Landes sicherzustellen. «Kriegsgärten» lieferten Kartoffelernten, auch die Baugenossenschaften liessen ihre Grünflächen als Pflanzland nutzen. Essenscoupons beim Bezahlen der Waren in den Lebensmittelgeschäften verhinderten, dass besser gestellte Familien Geschäfte mit Hamsterkäufen leerräumten, während für Leute in einfachen Verhältnissen nichts übrigblieb. Die Baupreise stiegen, Installationsmaterial und Backsteine waren knapp, Zement und Eisen wurden gar behördlich zugeteilt. So viele Nöte es gab, so gab es auch viele Gründe, um von einem Bauvorhaben abzusehen und ruhigere Zeiten abzuwarten.

Die Stadt bot gutes Bauland im Kreis 6 zum Kauf an
Im Geschäftsbericht von 1943 der Wiedinghof steht u. a.: «Dabei wurde … auch das Areal zwischen Buchegg-, Guggach- und Zeppelinstrasse genannt. Das bildete die Veranlassung, uns für diese wichtige Frage näher zu interessieren. Kann es uns doch nicht gleichgültig sein, wer in nächster Nähe unserer Kolonie baut und was für Häuser unseren Genossenschaftern vor die Fenster gestellt werden. Dieser Umstand und die moralische Pflicht, die beständig anwachsende Wohnungsnot bekämpfen zu helfen, haben den Vorstand bewogen, vorerst … prüfen zu lassen, welches Ausmass die Überbauung des erwähnten Grundstückes annehmen würde. Es könnten bei einer nicht allzu engen Bebauung etwa 130 Wohnungen erstellt werden, was annähernd unserer Kolonie Guggach (Anmerkung Redaktion: = heutige GBRZ-Siedlung 23) entspricht. Das schien uns allerdings eine zu grosse Aufgabe … zu sein, und es wurde deshalb angestrebt, die Projektierung in Verbindung mit einer anderen gut fundierten und einwandfrei geleiteten Baugenossenschaft an die Hand zu nehmen. So kam … eine Interessengemeinschaft mit der Baugenossenschaft von Staats-, Stadt- und Privatangestellten von Zürich zustande.»

Beide sagten Ja zur Entstehung der Siedlungen 24 und Buchegg
Nach einer intensiven Projektierung kam das Bauvorhaben vor die Generalversammlungen. Die ausserordentliche GV der Wiedinghof stimmte am 14. Juli 1944 dem Antrag auf Erstellung von zehn Mehrfamilienhäusern mit 60 Wohnungen zu. Vier Tage zuvor hatte auch die ausserordentliche GV der BGL grünes Licht gegeben. Erstmalig gründeten die beiden Baugenossenschaften während der Erstellung dieser Wohnkolonie aus Vertretenden ihrer Vorstände eine Baukommission – bis dahin hatten sie keine besondere Baukommission gebraucht. Die BGL schrieb in ihrer Schrift zum 25-Jahr- Jubiläum: «Es war ein grosses Wagnis, angesichts des immer noch wütenden Krieges an die Verwirklichung eines grösseren Bauprojekts heranzutreten. … Mit der Gemeinnützigen Baugenossenschaft Wiedinghof … wurden in gemeinschaftlicher Zusammenarbeit … total 21 Häuser erstellt, wovon 11 von unserer Genossenschaft. Auf diese Weise wurde es möglich, der gesamten Überbauung ein mehr oder weniger einheitliches und gediegenes Gepräge zu geben.»

Schwierigkeiten in einem fast unerträglichen Mass
Kein Bauvorhaben ihrer Genossenschaften hatte ihnen bisher so viel Zeit, Einsatz, Mühe und so viele Nerven abverlangt. Die Vorstände hatten gemeinsam und unermüdlich alles gegeben und gegen so manche Schwierigkeit angekämpft. Sie verloren wertvolle Wochen, bis endlich die Subventionsbeiträge von Bund und Kanton kamen, sie jonglierten mit der Verknappung von Zement, Eisen und Backsteinen und waren mit fortwährenden Preiserhöhungen konfrontiert, was sie zu Sparmassnahmen und einfacheren Konstruktionen zwang. Mit Rücksicht auf die schwierige Lage und die Obdachlosigkeit von Familien traten die beiden Vorstände am 13. März 1946 im Hotel Krone leicht zerknirscht vor die gemeinsame Mieterversammlung: Sie hatten trotz allem Einsatz ihr Ziel nicht ganz erreicht.

Im Geschäftsbericht 1947 der BGL steht: «Umso mehr freut es uns, dass unsere Baugenossenschaft mithelfen konnte, einen bescheidenen Anteil an der Bekämpfung der Wohnungsnot beizutragen. Unser … Optimismus, die neuen Wohnungen per 1. April 1946 fix und fertig bezugsbereit zu halten, ging leider nicht restlos in Erfüllung. Eintretendes Frostwetter und grössere Streikwellen verzögerten noch in den letzten Wochen die vollständige Fertigstellung der Wohnungen. Wir waren gezwungen, unsere neuen Wohnungsnehmer zu einer orientierenden Mieterversammlung (13. März 1946) einzuberufen und über den Stand der Bauarbeiten näheren Aufschluss zu geben. Die zahlreich erschienenen Genossenschafter zeigten für die geschilderten Schwierigkeiten volles Verständnis und erklärten sich trotz zu erwartender Umtriebe und Mängel damit einverstanden, auf Anfang April 1946 in die neuen Wohnungen einzuziehen.»

Fusion mit der Röntgenhof: Kraftschub für Sprung in die Zukunft
Die Jahresrechnung 2006 der Wiedinghof hatte einen Verlust ausgewiesen. Ihr langjähriger früherer Verwalter hatte im Vorjahr nicht nur eine desolate Buchhaltung hinterlassen, sondern hatte auch veruntreut. Die Aufarbeitung der Misere und Mitarbeiterwechsel hatten zum Brückenschlag mit der Röntgenhof geführt. An der GV der Wiedinghof vom 11. Mai 2007 wurden die Anwesenden über eine vorgesehene Fusion mit der GBRZ informiert. Fehlender Nachwuchs für die Vorstandstätigkeit und die Grösse der Genossenschaft wurden als Gründe genannt.

Mit 363 Wohnungen hatte die Wiedinghof tatsächlich eine kritische Grösse: Die Führung und die Bewirtschaftung müssen professionell erfolgen, doch kommt dies angesichts von ein paar Hundert Wohnungen erfahrungsgemäss entweder vergleichsweise teuer zu stehen oder es leidet die Professionalität. Gerade, wenn der Wohnungsbestand in die Jahre gekommen ist, wenn grössere Bauprojekte anstehen und die Aufgaben immer mehr und komplexer werden, ist ein Zusammenschluss mit einem Partner, der ein grosses und vielfältiges Immobilienportfolio und eine effiziente und professionelle Verwaltung hat, ein Segen für ihre Mitglieder.

2008 stimmten die Genossenschafter von Wiedinghof und Röntgenhof für die Fusion, für alle ein Gewinn. Die Wiedinghöfler gewannen eine langfristige Perspektive mit besseren Bedingungen. Einerseits bedeutet für sie das grosse Portfolio der Röntgenhof, genug Ersatzwohnungen für Umzüge während bevorstehender notwendiger Erneuerungsvorhaben zu haben. Es ermöglicht aber auch eine spätere Rückkehrmöglichkeit in äusserst begehrte und überraschend preiswerte, attraktive Neubauten. Für die Röntgenhof bedeutete die Fusion ein markantes Wachstum, eine ökonomischere Ausnutzung von Know-how und Strukturen mit Bündelung von Synergien und vor allem mehr bezahlbare Wohnungen für ihre heutigen und künftigen Mitglieder.

Mehr erfahren unter: Beginn eines neuen Kapitels für die Siedlungen 24 und Buchegg

Kurz vor Beginn der Bauarbeiten im Jahre 1945