«inside» Nr. 2 / Dezember 2021

Siedlungen / Rückblick

Ein Rückblick auf die Stammsiedlung

Rolfs Kindheits- und Jugenderinnerungen sind eng mit dieser Siedlung verknüpft und er blieb durch seine Mutter weit darüber hinaus mit unserer Genossenschaft verbunden.

Wir kommen mit Rolf Schmid, der den Haushalt seiner hochbetagten Mutter auflöst, ins Gespräch und erfahren, dass er als Baby 1960 an die Fabrikstrasse 39 zog. Danach zügelte die Familie im selben Quartier noch zweimal GBRZ-intern um. Die Mutter blieb nach dem Ableben des Vaters allein an der Ottostrasse. Er zog aus und heiratete.

«Obwohl verboten, haben wir im Innenhof immer Fussball gespielt. Damals wohnten sehr viele Angestellte von der SBB und von der Post hier. Es waren mehrheitlich Schichtarbeiter. Immer hiess es, wir sollten keinen Lärm machen. Wenn wieder einmal eines der Waschküchenfenster in die Brüche ging, schickten uns die Eltern zu Herrn Gerber, der das Einfachglas zügig ersetzte. Eine Waschleine voller Leintücher war unsere Versuchung. Den nassen, dreckigen Ball schwungvoll in ein sauberes Leintuch zu tschutten und dann wegzurennen und sich hinter Kellertüren zu verstecken, war unser Mutspiel. Häufig hockten wir auf das Dach des Transformerhäuschens nebenan oder streiften durchs Quartier, das von Industrie durchzogen war. Die Maag, wo ich Jahre später meine Lehre als Maschinenmechaniker absolvierte, stellte Zahnräder für die Welt her, während die Escher-Wyss-Fabrik gleich daneben rund 3’000 Mitarbeiter beschäftigte. Richtung Langstrasse befand sich das Italoviertel. Die Josefstrasse wurde damals auch ‹Little Italy› genannt. Ein Drittel meiner Schulkameraden waren Italiener.

Das Highlight des Jahres war das Gnossifest

Unsere Kolonie organisierte für uns Kids jeweils einen Schiffsausflug nach Rapperswil. Wir waren mindestens zwanzig Kinder, die von zwei bis drei Erwachsenen begleitet wurden. Auf dem Schiff gab es einen grossen Glaskolben mit frischgepresstem Apfelsaft, dazu Cervelat und Bürli. Während wir tagsüber versorgt waren, buken die Mütter zu Hause Kuchen. Abends stieg im Innenhof eine grosse Party. Bei jedem Hauseingang gab es Klappböcke zum Trocknen von Wäsche. Am Gnossitag fungierten sie als Verkaufstheke für Kuchen, Cervelat, Brot sowie Getränke. Die Eltern tanzten zur Ländlerkapelle, die Kolonievertreter hielten Reden und wir Kinder unterhielten die Eltern mit Darbietungen wie z. B. Pyramidenturnen auf Metallcontainern.

Die Vorbereitungen zum Fest liefen Wochen vorher an. Die Eltern kauften Teelichtkerzen immer auf Vorrat – lange gelagert brannten sie besser. Sie prüften, ob die Gläser auch ganz klar waren. Sonst durfte man beim Abwart neue Gläser holen. Am Gnossitag brannten auf allen Fenstersimsen entlang der Fassaden die Lämpli. Nicht nur bei uns, auch bei den Fenstern und Balkonen der benachbarten ABZ- und BEP-Siedlungen leuchteten sie um die Wette. Es kamen Hunderte von Besuchern, um sich die Lichterpracht im Quartier anzuschauen.

Die Genossenschafter standen zusammen. Sie tun es noch heute. Ich zog meine Mutter in den letzten Monaten immer wieder auf, indem ich ihr spasseshalber sagte: «Was du im Haus für Nachbarn hast, die klauen dir sogar den Güsel!» Meine Mutter konnte den Abfall nicht mehr selber nach draussen tragen und so nahmen helfende Nachbarn ihren Kehricht mit. Dieses schöne Wir-Gefühl – das hat meine ganze Kindheit erleuchtet.»