«inside» Nr. 2 / Dezember 2022

Siedlungen / Baustelle

Meilenstein gesetzt auf dem Weg zu Netto-Null

Im Kreis 5, wo sich unsere Stammsiedlung 1 sowie unsere Siedlungen 2 bis 4 befinden, reihen sich Baustellenabschnitte an Baustellenabschnitte, wohin man blickt. Entlang unserer Häuserzeile in der Fabrikstrasse liegt seit Mitte Juni 2022 eine langgezogene, tiefe Baugrube frei. Die Bauarbeiten dauern noch bis im Sommer 2023 an. Der Durchgangsverkehr ist gesperrt. Dasselbe Bild mit rot-weiss gestreiften Latten zeigt sich auch andernorts im Quartier.

Das Industriequartier, wo vor rund 100 Jahren das Fernwärmezeitalter Zürichs begann, ist Schauplatz für ein historisches, neues Kapitel der Fernwärmeversorgung. Nach dem Ja der Stimmbevölkerung zu einer Verbindungsleitung im Jahr 2018 wurde diesen Herbst 2022 ein wichtiger Meilenstein erreicht: Die 6,5 km lange Verbindungsleitung ist gebaut!

Eine Rückblende: Start Fernwärmenetz der Stadt in Zürich-West
Das Werk Josefstrasse war die erste Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) der Schweiz. Sie nahm 1904 ihren Betrieb auf. Bis dahin war es allgemein üblich, Abfall auf Deponien zu entsorgen. Schon 1928 begann die Stadt Zürich damit, die beim Verbrennen von Kehricht entstehende Abwärme als Energiequelle zu nutzen – das war der Start für das erste Fernwärmenetz der Stadt Zürich. Von Zürich-West aus versorgte die KVA Josefstrasse über ein Rohrleitungsnetz den Hauptbahnhof, die Sihlpost, 110 Wohnungen im Röntgenhof und weitere Betriebe und Haushalte mit Wärme. Mit diesem Erfolgsmodell arbeitete sie während rund 100 Jahren. Im Frühling 2021 schloss sich ihr Lebenszyklus – ihr Betrieb wurde eingestellt. Schon seit zehn Jahren war die KVA aufgrund von Überkapazitäten faktisch überflüssig fürs Verbrennen des Zürcher Mülls. Sie verbrannte deshalb seit 2011 süddeutschen Abfall, um Fernwärme für Zürich-West zu gewinnen – schliesslich hingen viele Kunden an ihrem Netz. Die neue gasbetriebene Energiezentrale Josefstrasse – während des noch laufenden Betriebs um- und eingebaut am gleichen Standort, allerdings mit einem mehr als halb so grossen Flächenbedarf wie die alte KVA – übernahm nach Stilllegung des Pionierwerks die Energieversorgung des Fernwärmegebiets Zürich-West und lieferte den angeschlossenen Kunden Wärme. Seither nutzt sie den Kamin der ehemaligen KVA für die Abgasableitung.

Die Leitungen entlang der Josefstrasse wurden in einem bestehenden Kanal sowie in einem knapp 400 m langen offenen Graben verlegt.

Die neue Verbindungsleitung verknüpft endlich die beiden Fernwärmenetze Zürich-Nord und Zürich-West
Rohrleitungen mit bis zu 50 Zentimetern Durchmesser verbinden die bisher voneinander getrennten Fernwärmenetze. Der Zusammenschluss eröffnet gleichzeitig die Chance zur Neuerschliessung von Quartieren in Zürich-Mitte entlang ihrer Streckenführung. Durch den Bau der Verbindungsleitung wird die Energieerzeugung auf die beiden Standorte Hagenholz und Aubrugg zentralisiert. Die Müllanlieferung zur Josefstrasse durch jährlich 5’000 Lastwagenfahrten aus Süddeutschland entfällt.

Das Netz Zürich-West versorgt bereits seit September 2022 seine bisherigen Kunden zu einem grossen Teil mit Wärme aus der KVA Hagenholz und dem Holzheizkraftwerk Aubrugg. Wärme wird vom Norden der Stadt in Form von heissem Wasser oder Dampf angeliefert. Produziert wird diese Wärme zurzeit zu 70 Prozent mit CO2-neutraler Abwärme, d. h. aus dem Wärmeüberschuss. Ist der Wärmebedarf besonders hoch – z. B. in der kalten Heizperiode –, wird zusätzlich Erdgas oder Heizöl eingespeist. Dazu dient unter anderem die neue Energiezentrale auf dem Werkareal Josefstrasse. «Die Kessel der Energiezentrale können in der Übergangsphase (bis eine neue/dritte Verbindungsleitung von Oerlikon mehr Kapazitäten bringt) mit Gas, im Falle von Gasknappheit auch auf Öl umgestellt, betrieben werden. Die Stadt Zürich will jedoch auch in Zukunft während der Spitzenlastzeiten so wenig fossile Energien wie möglich für die Fernwärmeproduktion einsetzen und arbeitet an entsprechenden Studien», heisst es aus Zürich. So wird auch in den kommenden Jahren hin und wieder eine Rauchfahne über dem Kamin zu beobachten sein. Für die Bevölkerung besteht keine Gefahr. Die Farbe des Rauchgases variiert je nach Lufttemperatur und Hintergrund. Vor hellem, weissem Grund wirkt der Rauch zum Beispiel grau.

Jetzt folgen die Anschlüsse in den Quartieren
Nachdem die Stadtzürcher Bevölkerung 2021 einem Kredit von 330 Millionen Franken zum weiteren Ausbau des Fernwärmenetzes in die Nebenstrassen der Quartiere in Aussersihl, Wipkingen, Oberstrass, Unterstrass, Guggach und Zürich-West zugestimmt hat, vollzieht sich eine enorme Bautätigkeit. Im Leitungsabschnitt zwischen Milchbuck und Josefstrasse führen aus sechs Schachtbauwerken Verbindungsanschlüsse in die einzelnen Quartiere und Verästelungen davon in die Strassen, in Gemeinschaftsanschlüsse oder in einzelne Gebäude. Sie funktionieren wie kleine Energieverbünde: Sie haben ihr eigenes Wärmenetz mit einem zentralen Anschluss ans Fernwärmenetz. Infolge weniger individueller Anschlüsse sind die Tiefbaukosten und die Beeinträchtigungen durch Bauarbeiten geringer. Ende Oktober 2022 wurde bereits der erste neue Grosskunde an die Fernwärme Zürich-West angeschlossen. Gemäss aktuellem Stand ist ERZ dank der Verbindungslinie bereits 200 neue Abonnementverträge eingegangen – deren Anschlüsse werden sukzessive bis Ende 2023 realisiert sein. Parallel dazu erfolgen weitere Ausbauten in Fernwärme von anderen Anbietern, so z. B. von Energie 360°, die in Tiefenbrunnen Seewassernutzung realisiert und weitere Anschlüsse in Altstetten- West, Wollishofen und Leimbach realisiert.

Für grosse Teile der Stadt werden Baustellen im Zusammenhang mit der Fernwärmeerschliessung in den nächsten 20 Jahren zum Alltag gehören. Der Ausbau erfolgt bis 2040 in Etappen und löst quartierweise für jeweils fünf bis zehn Jahre erhebliche Bautätigkeiten aus.


Fernwärmeausbau bringt auch Quartierverschönerungen
Um die gehäufte Bautätigkeit und die Belastung mit Dreck, Lärm und Baumaschinen möglichst gering zu halten sowie Arbeit und Kosten zu sparen, werden wo möglich andere Bauarbeiten im gleichen Strassenabschnitt koordiniert vorgenommen. So wird in der Heinrichstrasse zwischen Viadukt- und Hardstrasse der Strassenraum quartier- und klimagerecht umgestaltet. Der Fahrbahnbereich wird verschmälert, wodurch die Fussgänger mehr Platz erhalten. Zudem werden 40 neue Veloparkplätze errichtet und 48 zusätzliche Bäume gepflanzt. Die Aufenthaltsbereiche mit neuen Bäumen, Hecken und Sitzbänken werden entsiegelt.

Nach dem Teilabbruch der KVA plant die Stadt Zürich auf dem Josefareal, zu dem auch die frühere Zentralwäscherei gehört, ein Hallenbad, einen Quartierpark, ein Pflegezentrum mit Alterswohnungen sowie einen Werkhof-Ausbau. Die Gasversorgung wird sich in Etappen teilweise oder ganz aus den neuen Gebieten der Fernwärmeversorgung zurückziehen.

Gesamtziele: Klima, Energieautarkie und Netto-Null
Mit dem gesprochenen Kredit von 330 Millionen Franken rückt der Auftrag des Stimmvolks, das Klimaziel Netto-Null 2040 zu erreichen und 1‘877 neue Hausanschlüsse an die Fernwärme zu realisieren, näher. Einerseits wird mit dem Infrastrukturausbau für viele Gebäudeeigentümer ein Umstieg erst möglich. Andererseits forciert die aktuelle kantonale Gesetzeslage die Stossrichtung: Öl- und Gasheizungen am Ende ihrer Lebensdauer müssen zwingend durch klimafreundliche Lösungen ersetzt werden. Bis spätestens 2040 sollen alle fossilen Heizungen ausgetauscht sein. Mit Fördermechanismen wirken Stadt und Kanton Zürich zusätzlich darauf hin, die Transformation zu beschleunigen, damit das Klimaziel Netto-Null 2040 erreicht wird. So gibt es seitens Stadt Förderbeiträge für klimafreundliche Heizungen und vom Kanton neuerdings eine Restwertentschädigung für den vorzeitigen Ersatz von Gas- und Ölheizungen durch Wärmepumpen oder Anschlüsse an die Fernwärme. Mit der Restwertentschädigung werden nicht-amortisierte Investitionen und der Rückbau beim vorzeitigen Heizungsersatz entschädigt. Dieses Förderprogramm beschleunigt den Umstieg auf klimafreundliche Heizlösungen und zielt auf die Senkung des Energiebedarfs und der CO2-Belastung bestehender Heizungen ab.

Mit Blick auf das langfristige Ziel schnellen die lästigen rot-weissen Latten im Sympathiebarometer plötzlich nach oben. Die Baustellen sind Vorboten und Wegbereiter für eine gute, nachhaltige Sache. Sie verheissen der Stadt ein besseres Klima, mehr Unabhängigkeit von ausländischen Energieimporten sowie mehr Gestaltungsspielraum für Innovation und Effizienz und bringen uns näher zum Klimaziel Netto-Null 2040.

Fernwärmeversorgung lässt sich mit riesiger Zentralheizung vergleichen
Fernwärme bedeutet, dass die Wärmeerzeugung nicht unmittelbar am Ort des Verbrauchs geschieht und die genutzte Energie dem Endkunden angeliefert wird. Die Energiegewinnung wird in einer zentralen Anlage erzeugt. Der Transport der thermischen Energie zu den Kunden erfolgt über ein Rohrleitungssystem, ein sogenanntes Wärmenetz. Dort wird dem Wasser Wärme entzogen und an das Heizungsnetz des Gebäudes übergeben. Das in den Heizungen abgekühlte Wasser verbleibt im Rohrleitungsnetz, fliesst über ein zweites Rohr in die Fernwärmezentrale zurück und wird dort im Kreislauf wieder aufgeheizt. Bildlich ausgedrückt funktioniert die Fernwärme wie eine grosse Zentralheizung, die Gemeinden, Quartiere, Städte und Regionen mit Wärme von einer oder mehreren grossen Wärmequellen versorgt. Neben der Raumheizung und der Warmwasseraufbereitung kann Fernwärme auch den Wärmebedarf von Lüftungs- und Klimaanlagen oder industriellen Prozessen decken. Durch die Nutzung von Wärmeüberschuss wird das Heizen mit Fernwärme ökologisch, denn statt Wärme nutzlos verpuffen zu lassen, wird sie smart wiederverwendet.

Heute erhalten die thermischen Netze im Einsatz von grösseren Holz- und Geothermie-Kraftwerken, Rechenzentren, See-, Fluss- und Grundwassernutzungen, der Verwertung von Klärschlamm oder gereinigtem Abwasser eine wachsende Bedeutung.

Fernwärmetechnologien werden konstant weiterentwickelt. Der Trend geht zu einem höheren Anteil an erneuerbaren Energiequellen, der Reduktion fossiler Energieträger, energieeffizienteren Systemen und geringeren Emissionen.