«inside» Nr. 3 / Dezember 2020

Geschäftsstelle / Mitarbeiter

Hurra, unsere Hauswartin hat es geschafft!

Das gesamte GBRZ-Team hat Katrin Göbelbecker für ihre Prüfung zur Hauswartin mit eidg. Fachausweis fest die Daumen gedrückt, hat mit ihr mitgefiebert und freut sich nun mit ihr über die bestandene Prüfung.

Hielt man im Mittelalter den Daumen fest, wurden Kobolde, Hexen oder Dämonen gepackt und davon abgehalten, ihr Unwesen zu treiben. Man glaubte so, jemanden vor Pech und Unheil zu bewahren. Im germanischen Volksglauben galt der Daumen als Glücksfinger. Welchem Ursprung es auch zu verdanken war: Katrin hat sich den Fachausweis verdient geholt. Wir nehmen die tolle Leistung zum Anlass, um mehr von Katrin und ihrem Beruf zu erfahren. Dieser ist immer noch eine Männerdomäne: In den letzten Jahren lag der Frauenanteil bei den Berufsprüfungen bei rund vier Prozent.

Katrin wächst mit zwei Geschwistern in Fislisbach auf. Die Schwester ist acht, der Bruder zwölf Jahre älter als sie. Als es um die Berufswahl geht, rät ihr der Bruder, sich einen Beruf auszusuchen, den sie als Hobby ausführen kann. Sie braucht nicht lange zu überlegen. Sie weiss, dass sie gerne handwerklich arbeitet, reinigt und repariert und geschickt ist im Umgang mit Werkzeugen und Maschinen. Längst verdient sie sich ihr Taschengeld beim Arbeiten auf einem Bauernhof. Sie war die erste ihrer Klasse, die sich ein Natel kaufen konnte. Schliesslich hatte sie hart dafür gearbeitet und gespart, hatte an den Mittwochnachmittagen sowie samstags dem Schwiegervater ihrer Schwester auf dessen Hof ausgeholfen, hatte Kühe gemolken, den Stall ausgemistet, Tiere gefüttert und Pflanzen gepflegt. Der Bauer ist froh um ihre Unterstützung und finanziert ihr mit 14 sogar einen Traktorfahrkurs und die Prüfung für den Führerausweis M. Damit darf sie fortan nicht nur Landwirtschaftstraktoren bis 40 km/h fahren, sondern auch ein Töffli. Nach mehreren Schnuppereinsätzen bewirbt sie sich bei der Gemeinde Remetschwil als Lernende Fachfrau Betriebsunterhalt. Es klappt auf Anhieb und sie absolviert dort ihre Lehre.

«Es gibt keine Probleme, es gibt nur Lösungen.»

In der Schule ist sie nicht nur das einzige Mädchen in der Klasse, sondern 2008 auch die einzige Frau im Kanton Aargau, die diese Berufsprüfung absolviert. Sie kann sich als einziges Mädchen gut gegenüber den Jungs in der Klasse behaupten. Schon in der Kleinklasse war sie nicht auf den Mund gefallen, konnte dort bereits einstecken und austeilen.

Nach erfolgreicher Absolvierung ihrer Lehre arbeitet sie in verschiedenen Einsätzen bei Temporärbüros und an verschiedenen Stellen im Bereich Hauswartung, Reinigung und Security, bevor sie vor zwei Jahren ihr beruflicher Weg zur Röntgenhof führt. Sie verantwortet bei uns seither die Hauswartung der Siedlungen 1 bis 3 sowie den Gartenunterhalt der Siedlung 4.

Die Röntgenhof ist für Katrin ein Glücksfall

Ihre Hauswartskollegen – auch hier bis zu ihrem Start eine reine Männer-Crew – nehmen sie sehr gut im Team auf. Die BewohnerInnen reagieren am Anfang leicht überrascht und denken sich wohl «Kann die Frau das? Will sie das?

Weiss sie, wie man WCs entstopft?». Es dauert nicht lange und sie gehört so selbstverständlich zum Siedlungsleben des Kreises wie die Viaduktbögen. Sie führt hier praktisch die gesamte Palette ihres Allrounder-Berufs aus. Sicherlich unterlaufen auch ihr Fehler. Zähneknirschend erwähnt sie, dass ihr beim Unkrautschneiden mit dem Fadenmäher einmal ein Kieselstein auf eine Autoscheibe spickte und diese beschädigte. Sie erwähnt auch nagende Momente, in denen sie merkt, dass sie als Frau nicht dieselbe körperliche Kraft hat wie vielleicht ein junger, kräftiger Mann. Sie kennt auch Situationen, in denen etwas partout nicht so läuft, wie sie es möchte. In solchen Momenten hantiert sie am liebsten mit dem Hochdruckreiniger. Im Schutz des Schalls flucht und zetert sie und schon bald verfliegt ihre Wut.

Toller Rückhalt im Team

Hauswarte sind häufig Einzelkämpfer. Zum Reparieren geht man praktisch immer allein hin und muss sich dann zu helfen wissen. Zum Glück kennt das Team den Gruppenchat und hilft sich gegenseitig mit Rat und Tat weiter. Katrin schätzt das sehr. Womit sie Schwierigkeiten hat? Ihr grösstes Handicap ist ihre Höhenangst. Kürzlich stieg sie in der Siedlung 3 auf ein Gerüst, um Hausnummertafeln zu demontieren. Sie tat dies trotz und mit ihrer Angst. Ein andermal kletterte sie auf ein Containerdach, um Glyzinien zu schneiden. Das Runterkommen war Tortur und Höchstleistung zugleich.

«Für jeden meiner Hauswartskollegen
würde ich durchs Feuer gehen.» Man schaut in ihre Augen und merkt, wie ernst es dieser Frau ist, die ein Bündel an liebenswerter Verletzlichkeit und geballtem Willen ist. Die Ausbildung und die Prüfung waren ein grosser Hosenlupf. Nicht umsonst wird gesagt, dass der härteste Kampf der gegen sich selbst und die eigenen Grenzen ist. Sie hat sich ihm gestellt, hat hart dafür gearbeitet, viel Freizeit dafür aufgewendet und sich das Diplom als Hauswartin mit eidg. Fachausweis erfolgreich geholt.

Für die Antwort, was ihr an ihrem Beruf am besten gefällt, muss sie nicht überlegen. «Mein Beruf ist mein Traum. Ich liebe ihn und arbeite sehr gerne. Er ist vielseitig und abwechslungsreich. Aber am meisten gefällt mir, wenn ich die Bewohner glücklich machen kann. Wenn ich merke, dass sie happy und zufrieden mit dem Resultat sind. Es freut mich, wenn auch die Bewirtschafter zufrieden sind. Zufriedene Menschen bereiten mir die schönsten Momente. Ich fühle mich nach meinem beruflichen Werdegang bei der Röntgenhof angekommen und gut aufgehoben und will hier mein Bestes geben!