«inside» Nr. 1 / Mai 2022

Siedlungen / Flüchtlinge

Geflüchtet aus der Ukraine nach Rümlang

Von den insgesamt 18 Geflüchteten, für die die Röntgenhof Wohnungen zur Verfügung gestellt hat, sind derzeit vier Frauen und fünf Kinder in einer Wohnung untergebracht. Bald werden sie mit einer zweiten Wohnung etwas mehr Platz erhalten. Wir tauschen uns mit Nataliya aus. Sie erzählt uns im Gespräch, wie sie nach Rümlang kam und was sie bewegt.

Die 40-jährige Nataliya spricht gut Englisch, Deutsch und Italienisch. Sie hat wie ihr Mann Rechtswissenschaften studiert, ihren Beruf im Gegensatz zu ihm aber nicht ausgeübt und sich auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter konzentriert. Nataliya ist Mutter des sechsjährigen M. sowie der 14-jährigen Y. Zusammen mit ihrer Mutter und den beiden Kindern hat Nataliya ein geräumiges Zimmer der Rümlanger Wohnung bezogen. Das zweite Zimmer bewohnen Inna und ihr 12-jähriger Sohn C., während Svetlana mit ihrer 14-jährigen Tochter und ihrem 7-jährigen Sohn das dritte Zimmer teilt. Küche, Badezimmer und Wohnzimmer teilen sich die neun Bewohner.

Nichts ist mehr so, wie es war
Nataliya erzählt uns, dass sie aus Sumy stammt. Die Hauptstadt der gleichnamigen Oblast – eine von 25 Verwaltungseinheiten der Ukraine – liegt im Nordosten und ist rund 40 km von der russischen Grenze sowie rund 400 km von Kiew entfernt. Die Stadt hatte vor Kriegsbeginn rund 260‘000 Einwohner. Die ersten russischen Raketen schlugen am 24. Februar 2022 in mehreren Landesteilen der Ukraine ein, so auch in Sumy. Es sei dort um 4 Uhr morgens losgegangen. Sie habe davon nichts mitbekommen, sondern sei um 5.30 Uhr vom Telefonklingeln erwacht. Ihre Mutter habe angerufen. «Ihr müsst aufstehen, es ist Krieg!» Ungläubig seien sie ans Fenster gegangen und hätten dort tatsächlich von weit weg Bomben gehört und Rauchsäulen gesehen. Sie assoziiert diesen Morgen mit einem orangen Himmel.

«Glaubt mir, es werden Bomben fliegen!»
Die Mutter habe bereits seit zwei Wochen auf Nataliya und ihren Schwiegersohn Vladimir eingeredet, in den Karpaten Ferien zu verbringen, einem Hochgebirge, das in einem grossen Bogen von Rumänien über den Westen der Ukraine bis nach Polen und die Slowakei verläuft. Nataliya und Vladimir hatten über die Sorgen der Mutter gelacht und versucht, sie zu beschwichtigen. Es komme zu keinem Krieg, es sei nur ein Informationskrieg, der über die Presse ausgefochten werde, mehr nicht. Die Mutter flehte täglich weiter, sodass die beiden nachgaben und sich zu einer Woche Ferien an der polnischen Grenze entschlossen. Sie packten sogar, versorgten das Gepäck aber wieder, da alle ihre Freunde, die meisten ebenfalls Akademiker, sie auslachten, weil sie dem Gemunkel vom nahenden Krieg Gehör schenkten.

Leben in einer neuen Wirklichkeit
Der 24. Februar belehrte alle eines anderen. In den ersten Tagen des russischen Überfalls treffen die Stadt schwere Gefechte. Nataliya und Vladimir besitzen eine Wohnung nahe der Gemeindeverwaltung – im Krieg ein zu grosses Standortrisiko. So bevorzugen sie Vladimirs grosses Elternhaus als Bleibe. Seine Mutter und seine Schwester weilen ohnehin in Ägypten in den Ferien. Die Familie verbringt die Tage im Keller. Nur zum Kochen geht Nataliya jeweils frühmorgens kurz in die Küche, befüllt Tupperware und eilt zurück in den Keller. Immer wieder heulen Sirenen und die Stadt bebt von Raketeneinschlägen, vor allem nachts. In der Dunkelheit herrscht Ausgangssperre. Strom- und Wasserversorgung fallen aus.

Nach zehn Tagen entschliessen sich die beiden zur Fahrt in die Westukraine. Für die rund 1000 Kilometer von Sumy nach Uzhgorod an der polnischen Grenze brauchen sie vier Tage. Die Mutter lassen sie zurück – sie weigert sich mitzukommen. Sie fahren in einem Vierer-Konvoi zusammen mit anderen Bekannten.

Der Krieg habe sie vor allem gelehrt, dass Werte wechseln. So sind ihr beispielsweise langjährige Freunde, die dem Markendiktat noch immer nachhängen, heute unerträglich oberflächlich. «Die Familie ist wichtig. Sehr vieles andere verliert plötzlich an Bedeutung.» Schockiert berichtet sie davon, dass ein paar hundert Kilometer weiter östlich viele Männer für ihr Land kämpfen, während andernorts Leute draussen sitzen und Kaffee trinken.

In Uzhgorod stiegen die Mietpreise seit der Invasion um ein Vielfaches an – trotz ausfallender Heizung bei klirrender Kälte.

Menschlich sein, Solidarität zeigen
Auf dem Weg werden sie von einem bewaffneten Soldaten angehalten. Er sagt: «Wartet!» Panik überfällt den Konvoi. Umso überraschter sind sie, als der Soldat mit einem Sack Äpfeln zurückkommt und ihn ihnen aushändigt. «Für die Kinder.» Nie haben Äpfel besser geschmeckt.

Die Ukraine ist eine Agrarnation. Dies spiegelt sich in ihrer Flagge wider: leuchtend gelbe Felder vor einem blauen Himmel. Die ertragreichen Agrarflächen sind eine wichtige Kornkammer, ihre Schwarzerdeböden gehören zu den fruchtbarsten der Welt. Durch trockene Sommer und lange, sehr kalte Winter akkumuliert sich der Humus im Boden. Zuletzt deckten die Ukraine und Russland zusammen mehr als einen Viertel der globalen Weizenexporte. Bei den Exporten von Mais, Gerste, Raps und besonders Sonnenblumenöl sind sie ähnlich bedeutsam. So wird der Krieg starke Auswirkungen auf die Ernährungssituation in einigen Regionen haben und die Weizenversorgung auf der ganzen Welt aus dem Gleichgewicht bringen.

Manchmal sind es die kleinen Gesten, die unvergessen in den Herzen bleiben.

Suche nach Zuflucht
In einem Haus, in dem bereits zwei andere Familien ohne Wissen der Eigentümer Unterschlupf fanden, kommen auch sie unter. Verbittert erwähnt Nataliya, dass vielerorts die Mietpreise in dieser Region seit Februar um 400 % gestiegen sind. Sie bleiben für drei Tage. Y. will ihren Vater nicht zurücklassen: «Lieber sterbe ich.» Doch sie muss sich fügen. Sie können sich auf die Länge keine horrenden Mietpreise leisten. Vladimir und ein Konvoi-begleiter fahren zurück nach Sumy, während Nataliya zusammen mit den Kindern und einer Freundin Richtung Schweiz losfährt. Die Freundin hat eine Schwester in der Schweiz, bei der sie unterkommen kann. Nataliya bittet die in Zürich lebende Irina, die sie seit 14 Jahren aus Sumy kennt, um Hilfe. So wird die Röntgenhof-Wohnung in Rümlang für sie zum Zufluchtsort.

Nataliya erwähnt, dass die meisten flüchtenden Frauen bevorzugt in den umliegenden Ländern Zuflucht suchen, vor allem in Polen, vereinzelt in Kroa-tien oder in anderen Nachbarländern, wo Bekannte und Sprachkenntnisse dies nahelegen. Und jene, denen es möglich ist, haben ihre Familien aufs Land gebracht, etwa auf ihre Datscha. Die Schweiz kommt für die meisten nur infrage, wenn sie Freunde oder Familienmitglieder dort haben oder wenn sie bereits früher häufig im Aus-land waren und sich zutrauen, sich in Westeuropa sprachlich durchsetzen zu können.

Wohnen in der Schicksalsgemeinschaft
Zusammen mit ihren Kindern ist die Rümlanger Mitbewohnerin Svetlana, eine gute Freundin von Irina, mit dieser in die Schweiz eingereist. Auch Svetlana, Juristin und Salesmanagerin, musste ihren Mann in der Ukraine zurücklassen. Nataliyas dritte Mitbewohnerin ist ihre Freundin Inna, Psychologin von Beruf. Inna war vor ihrer Ankunft in Rümlang zusammen mit ihrem Sohn C. nach Budapest geflüchtet. Nataliya hatte Inna gebeten, dort auf die Anreise ihrer Mutter zu warten und sie nach Rümlang mitzunehmen.


Heilung braucht Nähe.

Menschen in Krisen brauchen vor allem eins: Menschen
So findet sich die Schicksalsgemeinschaft in der 4-Zimmer-Wohnung zusammen. Nataliya ist sehr dankbar für die Unterstützung, die sie hier erfährt. Sie ist gerührt von der Einrichtung und der liebevollen Vorbereitung ihrer Wohnung sowie vom freundlichen Empfang. Ihr stehen Tränen in den Augen. Die jüngeren Kinder durften rasch in die Schule. Sie wurden in Klassen separiert, um schneller Deutsch zu lernen. Kurz darauf wurden auch die Teenager zur Schule aufgeboten. Wöchentlich erhalten die Familien von der Gemeinde eine bescheidene Sozialhilfe. Jeder Franken wird erst nach mehrmaligem Abwägen ausgegeben. Eine Kirche in Rümlang lädt die Geflüchteten ein, einmal wöchentlich ein Paket mit Grundnahrungsmitteln zu beziehen. Eine andere Kirche organisiert jeweils unter der Woche unentgeltlich einen täglichen Mittagstisch. Die Kinder gehen direkt von der Schule dorthin, während die Erwachsenen dann dazustossen.

Nataliya sagt: «Krieg macht krank im Kopf. Alle fünf Minuten frage ich mich, was in der Ukraine passiert, was wohl Vladimir und meine Bekannten machen. Zu Anfang kämpfte Vladimir als Freiwilliger. Seit gestern ist er offizieller Soldat und erhält Lohn. Ständig überprüfe ich irgendwelche Apps, die Sirenen visuell anzeigen. Meine grösste Angst ist, dass Vladimir in den Donbass geschickt werden könnte. Die ersten drei Tage in Rümlang waren infolge Fluglärms eine Katastrophe. Ständig zuckten wir zusammen, weil wir Flugzeuge mit Bomben nahen wähnten. Wenn der Krieg aufhört, fahre ich gleich am nächsten Tag mit meinen Kindern zurück nach Hause. Möge der Friede rasch eintreten! »