«inside» Nr. 1 / Mai 2022

Siedlungen / Erneuerung

Erneuerung für Generationen

Unsere Siedlung 17 im idyllischen, familienfreundlichen Tagelswangen ist für die GBRZ der Standort mit dem kleinsten Wohnungsbestand. Die Wohnbauten haben ihre Lebensdauer erreicht.

Für die vier Häuser mit ihren 30 Wohneinheiten steht grosser Instandsetzungs- und Modernisierungsbedarf an. Eine sorgfältige Überprüfung ergab, dass ein Ersatz der Bauten die vernünftigere und nachhaltigere Lösung ist als eine grosszyklische Sanierung. An der GV vom 2. Juni 2022 kommt der Baukredit zur Beschlussfassung. Im Zuge der Vorbereitung einer Infoveranstaltung für die Siedlungsbewohner sind wir mit einigen langjährigen Mitgliedern im Gespräch – dabei hören wir spannende Lebensgeschichten.

Meine Geschichte mit der Röntgenhofgenossenschaft
Unsere Überbauung in Tagelswangen besteht aus je zwei zusammengebauten Wohnhäusern.

Als ich 2001 dort einzog, gehörten drei Häuser schon der Baugenossenschaft Röntgenhof. Unseres befand sich noch in Privatbesitz einer anderen Verwaltung. Nach einigen Jahren bekamen die Röntgenhof-Häuser ein neues, hellgelbes Gewand – nur unser Wohnhaus blieb alt und hässlich. Erst später durften auch wir uns über eine Verschönerung freuen und die Röntgenhof erwarb unser Haus. Ein maroder Kletterturm wurde entfernt und unter die Schaukel wurde eine weiche Matte verlegt. Leider brach sich ein Mädchen kurz vor der Sanierung den Arm, als es von der Schaukel sprang. Dann wurden, zur Freude der Mieter im Parterre, alle drei Sitzplätze vergrössert. Auch im Haus geschah einiges: Ein Maler sanierte die schimmligen Wände in der Waschküche und im Trocknungsraum. Und auf meine Bitte bei der Verwaltung hin bekamen wir den langersehnten Entfeuchter für die Wäsche. Und dann war da noch die Sache mit der offenen Haustüre. Eines Tages wurde ein neues Fahrrad aus dem Keller entwendet. Aber auch da setzte sich unsere Verwaltung ein: Die Briefkästen wurden nach draussen verlegt. Als der alte Hauswart pensioniert wurde, bekam ein junger, spritziger Hauswart die Stelle. Sein Name: Cédric Diebold. Seit Jahren setzt er sich vorbildlich für uns ein und hat immer ein offenes Ohr für die Anliegen der ihm anvertrauten Genossenschafter. Auch ich schätze ihn sehr.

Als vor Jahren bekannt wurde, dass unsere vier alten Häuser Neubauten weichen würden, liess ich mich 2016 vorsorglich auf die Warteliste günstiger Alterswohnungen innerhalb der Gemeinde Lindau setzen. Nun ist es so weit: Ich bekomme die 2,5-Zimmer- Traumwohnung – zuoberst, mit Blick auf das Alpenpanorama in Winterberg! Kürzlich wurde ich 80 Jahre alt und ich freue mich auf den Neuanfang.

Ich bin überzeugt, dass der Neubau ein tolles Zuhause werden wird für meine Nachbarn, die wieder zurückkehren wollen, und für die Neuzuzüger. An dieser Stelle möchte ich mich bei der Röntgenhof-Genossenschaft ganz herzlich bedanken für die wunderbare Zeit an der Huebstrasse 31 in Tagelswangen. Macht weiter so!

Ihre Verena Burri

Alle guten Projekte beginnen mit einer Zündung
Die Seniorin mit den freundlichen Augen und dem auffallend verklärten Blick empfängt uns herzlich. Gläubige Menschen haben häufig diesen Ausdruck, durchzuckt es mich beim Händeschütteln. Und tatsächlich: Als Frau Burri aus ihrem Leben erzählt, erfahren wir, dass sie als junge Frau kurz nach ihrer Ausbildung zur Keramikmalerin durch eine intensive Eingebung zur Religion fand. Diese Erfahrung veränderte ihr Leben und das ihres späteren Mannes.

Die beiden fahren nach einer mehrjährigen theologischen Ausbildung und Spanischkursen als Missionare nach Huariaca, einem peruanischen Bergdorf in den Zentralanden auf ca. 3’000 m ü. M. Huariaca war bereits damals geprägt durch grosse Armut und hohe Arbeitslosigkeit. Die Burris betreuten zusammen mit anderen Missionaren und Einheimischen 25 Waisenkinder im Alter von 5 bis 12 Jahren.

Einer Schweizer Lehrerin fiel auf, dass kinderreiche Familien aus dem Ort nur die älteren Kinder in die Schule schickten, weil für die jüngeren das Geld nicht reichte. Das war die Zündung für ein grossartiges Projekt: Engagiert wurden Land und ein altes Kino gekauft und es wurde dort eine Schule errichtet. Während das Waisenhaus heute geschlossen ist, gibt es die Schule Antioquia noch immer. Dort werden rund 280 Kinder von 21 einheimischen Lehrern unterrichtet.

Die Burris kamen nach einigen Jahren Missionarsdienst zurück in die Schweiz. Nachdem ihr Mann verstorben war, zog Frau Burri in ihr heutiges Zuhause, wo sie seit über 20 Jahren lebt. Bald schon zügelt sie jedoch in eine Alterssiedlung. Ihre neue Wohnung ist ein Traum, vermietet zu einem subventionierten Eco-Preis, mit Spitex und Café im Haus. Die Bewohner können selbst kochen oder sich auf Wunsch ihr Essen bestellen – ideale Wohnbedingungen für betagte Menschen. Ob auf Grundlage dieser Idee ein neues Projekt entsteht?

Frau Burri freut sich auf das neue Zuhause, spricht aber mit derselben Freude von ihrer Zeit bei der Röntgenhof. Ihr Mietzins ohne Parkplatz habe beim Einzug 2001 CHF 1’200 betragen und beläuft sich heute zusammen mit einem Aussenparkplatz auf rund CHF 200 weniger. Sie werde ihre Nachbarn vermissen. Immer hätten sie ein gutes Verhältnis gehabt, sich gegenseitig geholfen und die Kinder gehütet. Im Leben sei eben alles im Wandel. Auch im Alter von 80 Jahren sei manchmal ein Neuanfang nötig – sie nehme es hin als Geschenk.

Verena Burri

Seit der Kindheit hier zu Hause
Die ganze Familie Saliji empfängt uns freundlich und gespannt. Die Brüder Elvis und Edis sind hier an der Huebstrasse aufgewachsen. Während Edis noch mit den Eltern wohnt, hat Elvis unterdessen geheiratet und lebt zusammen mit seiner Frau Sabrina und den beiden Kindern im Nachbarhaus. Alle erwachsenen Salijis treibt vor allem eine brennende Frage um, und zwar, ob sie nach der Bauzeit in den Neubau zurückkehren dürfen. Sie alle sind so mit ihrer Siedlung verwurzelt, dass sie es sich nicht vorstellen können, anderswo sesshaft zu werden. Es kommt keine einzige Frage nach den Gründen für den Neubau auf – zu offensichtlich ist der Erneuerungsbedarf.

Mutter Saliji mit Schwiegertochter Sabrina, den beiden Enkeln, den Söhnen Elvis und Edis (v. l. n. r.)

Selbstverständlich können wir die Salijis beruhigen. Anstelle der heutigen 30 Wohnungen sind neu 44 vorgesehen, also genug, um allen heutigen Tagelswanger Genossenschaftern ihren Rückkehrwunsch erfüllen zu können, sofern sie sich frühzeitig anmelden. Wir unternehmen alles, um für jeden Genossenschafter bis zur Rückkehr eine zumutbare Lösung zu finden. Auf Wunsch werden von der Geschäftsstelle Umsiedlungsangebote unterbreitet. Dank dem grossen Liegenschaftenbestand verfügt die Röntgenhof über genügend Wohnungen für Umsiedlungen.

Die Familie Saliji zeigt uns Fotos aus ihrem Album. Dort, wo seinerzeit Elvis und Edis auf dem Sitzplatz posierten, spielen heute die Enkelkinder. Mit einem breiten Lachen zeigt uns Elvis ein weiteres Foto: «Der links, das bin ich.» Und rechts? Welche Überraschung – das ist ja ein bekanntes Gesicht, es ist unser Hauswart Cédric Diebold! Elvis erzählt uns, dass sich die beiden seit 1999 kennen. Sie gingen in der Oberstufe in dieselbe Klasse. Gross waren Erstaunen und Freude, als nach der Pensionierung von Herrn Kächeisen Cédric als neuer Hauswart verkündet wurde.

Auf dem Nachhauseweg verfolgt uns die Frage, wie es ist, praktisch das ganze Leben am selben Ort zu verbringen und mit vielem und vielen vor Ort eine gemeinsame Vergangenheit zu haben. Dies muss einerseits eine besondere Qualität von Zusammenhalt und Vertrautheit bieten und anderseits Ausdruck dafür sein, wie gut es sich an diesem Ort leben lässt.