«inside» Nr. 2 / Dezember 2022

Siedlungen / Energie

Energie damals und heute

Was heute mit einem Handgriff am Thermostat geregelt werden kann, verlangte den Menschen, die noch mit Kohleöfen heizten, allerhand ab. Damals bedeutete auch der Waschtag Schwerstarbeit.
Verena Alatan, ein Röntgenhof-Kind seit über 70 Jahren, blickt zurück und nach vorn. Sie wohnt heute in unserer Rümlanger Siedlung. Vor ihrem Haus entsteht in den nächsten Jahren ein spannendes Kapitel neuer Röntgenhof-Geschichte. Dort werden Häuser zurückgebaut, damit Neues entsteht.

Meine Geschichte mit der Röntgenhof-Genossenschaft
Ich wuchs in einer 3-Zimmer-Wohnung an der Fabrikstrasse 44 im Kreis 5 auf. Meine grosse Schwester und ich teilten uns ein Zimmer, bis sie heiratete. Unsere Eltern waren damals für die Heizung der Siedlung verantwortlich, und das hiess, Kohle zu schaufeln, damit es alle Mieter warm hatten in den Wohnungen. Ab und zu nahm mich mein Vater mit in den Heizungskeller. Ich war sehr beeindruckt von dem riesigen Berg Kohle und ebenso, wenn mein Vater die Ofentür öffnete, um Kohle nachzufüllen, denn da loderte ein grosses Feuer, das mir grossen Respekt einflösste.

Wir mussten damals sparsam mit Energie umgehen.
Darum wurde auch nicht die ganze Nacht voll durchgeheizt. Im Herbst mussten die Mieter die Vorfenster montieren, damit die Wärme im Winter nicht durch undichte Fenster verpuffte. Das Schliessen der Läden und das Zuziehen der Vorhänge verbesserten die Wärmeisolation ebenfalls. Im Frühling wurden die Winterfenster wieder abmontiert und in der Winde deponiert.

In der Küche gab es damals keinen Kühlschrank. Im Badezimmer befand sich eine freistehende Badewanne mit einem Gasboiler. Gebadet wurde einmal in der Woche am Samstag, und zwar eine Badewannenfüllung erst für den Vater, dann für die Mutter und am Schluss noch für mich. Ansonsten wusch man sich täglich am Waschbecken. In der Waschküche befand sich ein Zuber, den meine Mutter am Abend vor ihrem Waschtag anfeuern musste, um darin die Wäsche in heissem Seifenwasser einzuweichen, um sie dann am folgenden Tag von Hand zu waschen. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie meine Mutter mit Gummistiefeln und Gummischürze in der dampfenden Waschküche am Zuber stand und die Wäsche mit einer grossen Holzkelle hin und her rührte. Auch ich durfte manchmal meine Puppenkleider waschen und bekam dafür extra Gummistiefel und Gummischürze – welche Freude! Danach folgten das grosse Spülen und Schwingen und das Aufhängen der Wäsche. Hatte man Glück mit dem Wetter, konnte die Wäsche im Hof zum Trocknen aufgehängt werden. Bei schlechtem Wetter oder im Winter musste die nasse Wäsche zum Trocknen vom Keller in die Winde im 5. Stock hinaufgetragen werden. Das war damals der Waschtag! Dennoch hatten wir es im Winter immer schön warm und wir hatten auch immer saubere Wäsche. Irgendwann wurde dann die Heizung ausgetauscht. Die Kohle wich dem Heizöl. Kühlschränke hielten Einzug in den Küchen und in den Waschküchen Vollwaschmaschinen – was für eine Erleichterung!

Fuhrhalter schütteten jeweils Kohle aufs Trottoir. Von dort wurden Berge an Kohle durch die Fenster in die Kohlekeller geschaufelt.

Alles kommt gut, packen wir die Zukunft an!
Nun wohne ich seit April 1968 in Rümlang in einer 3-Zimmer-Wohnung im Parterre an der Obermattenstrasse der Siedlung 14. Mein Sohn wuchs in dieser Wohnung auf. Es wurde in dieser Wohnung gelebt, geliebt, gestorben. Jetzt kommt für meine Nachbarn und mich ein neuer Abschnitt auf uns zu. Es wird nicht leicht werden, wenn es losgeht mit dem Abbruch der Häuser, die für viele von uns während langer Jahre ein Zuhause waren. Wir alle werden ein weinendes und ein lachendes Auge haben. Dennoch freue ich mich auf den Neubau der schönen Wohnungen, auf junge Familien mit Kindern und darauf, dass ich in eine nigelnagelneue Wohnung einziehen darf, die zudem rollstuhlgängig ist und über einen Lift verfügt! Alles kommt gut, packen wir es an!

Ihre Verena Alatan