«inside» Nr. 2 / Dezember 2025

100-Jahr-Jubiläum / Weihnachtsgeschichte
Eine Weihnachtsgeschichte
Es war ein kalter Dezemberabend, und in der Röntgenhof-Siedlung lag ein leiser Zauber in der Luft. Die Lichterketten in den Fenstern spiegelten sich auf den Wegen, und aus einigen Küchen roch es nach frisch Gebackenem. Mila, sieben Jahre alt und neugierig wie eh und je, stapfte mit ihren Winterstiefeln durch den Schnee im Innenhof. Sie suchte nach Spuren – nach allem, was in der Weihnachtszeit geheimnisvoll sein könnte.
Bei der alten Kastanie entdeckte sie eine Bank, die zwar neu gezimmert war, aber im Licht der Laterne aussah, als hätte sie schon Geschichten aus hundert Jahren gehört. Und tatsächlich: Auf den Holzbrettern sass ein älterer Herr, warm eingepackt, mit einem Beutel neben sich.
«Willst du mal sehen?», fragte er mit einem Zwinkern. Mila nickte.
Der Mann öffnete den Beutel und holte einen kleinen, kunstvoll geflochtenen Zopf hervor – noch warm. «Der erste Zopf in diesem Hof wurde vor hundert Jahren gebacken», sagte er leise. «Damals gab es eine junge Frau, Frau Hofer, die immer einen Zopf für die Nachbarskinder machte.
Sie sagte den Kindern: «Wenn wir teilen, wächst Freude.» Mila lächelte. «So wie unser Jubiläumszopf im Frühling!».
Der Mann nickte. «Genau. Und weisst du was? Dieser Gedanke ist nie verschwunden. Er wandert weiter, von Generation zu Generation – wie ein unsichtbarer Faden durch unsere Siedlungen.»

Er brach ein kleines Stück vom Zopf ab und gab es Mila. «In diesen hundert Jahren ist viel passiert. Es wurde gebaut, Häuser wurden erneuert, die Kinder wurden schon längst Grosseltern, neue Bäume wurden gepflanzt», sagte er. «Aber das Schönste blieb bei der Röntgenhof unverändert: dass die Menschen hier füreinander da sind. Es sind gute Nachbarn!».
Mila kaute nachdenklich. «Und ich soll den Faden weitertragen?». «Ja», sagte der Mann. «Mit jedem Lächeln, jedem Spielen, jedem Staunen. »
Mila verabschiedete sich und machte sich auf den Heimweg. Schon beinahe bei der Tür angekommen, drehte sie sich um und wollte ihm noch zuwinken. Doch auf der Bank sass niemand mehr. Nur ein einzelner goldener Papierstern lag dort, als hätte sich die Weihnachtszeit selbst kurz zu ihr gesetzt. Sie rannte zurück und holte sich den Stern.

Zu Hause erzählte Mila ihrer Mutter davon. Die schmunzelte und sagte:
«Man sagt, dass die Röntgenhof seit jeher von einem geheimnisvollen Zauber bewohnt sei. Der gute Geist der Gemeinschaft sei hier zu Hause und spürbar. Besonders an Weihnachten flüstere er gern seine Geschichten – von guten Nachbarn, denen er bei der Röntgenhof begegnete. Unser Jubiläumsjahr mag seine Erinnerungen noch reicher gemacht haben. Vielleicht ist seine Freude so gewachsen, dass er übersprudelte und darüber vergass, in der Zauberwelt zu bleiben und dir erschien – voller Dankbarkeit über das immer wieder neu erwachende Miteinander in dieser wundervollen Röntgenhof.»
Mila legte ihren Papierstern ans Fenster. Draussen schneite es leise. Ihr war wohlig warm. Es fühlte sich schön an, hier heimisch zu sein. Und irgendwo, so schien es Mila, duftete es wieder nach frischem Zopf.
