«inside» Nr. 1 / Mai 2024

Siedlungen / Energie

Die Zukunft der Energie

Intensiv hatte unsere Nachhaltigkeitskommission über Monate an der Erarbeitung einer Machbarkeitsstudie und einer daraus resultierenden energetischen Erneuerungs-, Optimierungs- und Sanierungsplanung für die GBRZ-Siedlungen gearbeitet. Der erste Meilenstein ist unterdessen erfolgreich gesetzt. Weitere werden folgen.

Ende April 2024 haben wir in der Siedlung 18 in Regensdorf die zweite PV-Anlage der GBRZ in Betrieb genommen. Seit Anfang Jahr wurden auf allen Dächern unserer Regensdorfer Siedlung auf einer Solarmodulfläche von 920 m² insgesamt 482 PV-Module mit je einer Leistung von 450 W installiert. Mit diesen sollen voraussichtlich jährlich rund 190‘000 kWh Solarstrom erzeugt werden, was einem durchschnittlichen Jahresverbrauch von 47,5 Vierpersonenhaushalten entspricht. Von den 190‘000 kWh werden rund 73‘000 kWh eigenverbraucht werden. Damit wird ein Autarkiegrad von 36 % erzielt. Eine E-Mobility-Ladeinfrastruktur ist in der Siedlung bereits installiert und in den Gesamtverbrauch mit eingerechnet.

Vor einer energiepolitischen Weichenstellung
In der Schweiz gibt es heute über 690 Wasserkraftwerke, vier Kernkraftwerke, rund 1‘000 Kleinwasserkraftwerke, 50 grössere Windanlagen, knapp 1‘000 thermische Stromproduktionsanlagen (Biogas, Kehrichtverbrennung, Blockheizkraftwerke etc.) und über 200‘000 Photovoltaikanlagen (PVA). Sie beliefern 5,1 Mio. Schweizer Endverbraucher. Seit 2009 ist der Strommarkt teilliberalisiert. Grosse stromverbrauchende Unternehmen mit einem Bedarf von mehr als 100‘000 kWh – das sind rund 32‘500  – können ihren Stromlieferanten frei wählen. Photovoltaik auf den Dächern, E-Autos statt Benziner, Batterien und Wärmepumpen im Keller: Diese drei Schlüsselelemente sollen neben lokal ausbaubaren Lösungen wie beispielsweise Fernwärme, Windanlagen etc. die Energiewende in der Schweiz flächendeckend ermöglichen, die Wärmeversorgung und die Mobilität dekarbonisieren sowie den steigenden Elektrizitätsbedarf mit erneuerbarem Strom decken. Eine grosse Herausforderung ist allerdings die Integration dieser drei Schlüsselelemente ins Stromsystem. Während grosse Kraftwerke Elektrizität ins Übertragungsnetz einspeisen, werden PV-Anlagen von EFH und MFH auf den unteren Netzebenen angeschlossen, d. h. auf den weniger leistungsstarken Verteilnetzen. Die unregelmässige und schwer kalkulierbare Einspeisung von Solarstrom verlangt nach einem Paradigmenwechsel für den Strommarkt: Die Verteilnetze sind vielerorts noch nicht darauf ausgelegt, so viel Strom ein- oder auszuspeisen. Der Kapazitätsausbau der Verteilnetze ist sehr aufwendig und teuer. Entlasten liessen sich die Netze vor allem dadurch, dass Solarstrom direkt vor Ort verbraucht würde, anstatt ihn an die Energiewerke zu übertragen. Die Krux dabei ist, dass die PVA, das E-Auto, Batterien und Wärmepumpen in den allerwenigsten Fällen miteinander sprechen. Viel zu häufig werden sie nicht aufeinander abgestimmt betrieben. 

Energiemanagementsysteme (EMS): Wichtige Bausteine für die Zukunft
Während PVA, E-Autos oder Wärmepumpen bereits weitverbreitet sind, sieht es bei EMS-Systemen anders aus: Heute steuern nur 16 % der Haushalte die verschiedenen Systeme damit. Dabei spielt die Digitalisierung eine zentrale Rolle für die Steuerung von Energieproduktion und -verbrauch. Sie ist der Changemaker und Wegbereiter für Lösungen, die Ertrag und Verbrauch koordinieren. Software kann je nach Bedarf eine nötige lokale Netzeinspeisung oder -ausspeisung erhöhen oder reduzieren. Die Technik ist vorhanden, aber das Potenzial liegt schon länger brach. Systemintegration wird kaum aktiv vermarktet – den Überblick über EMS-Lösungen zu haben, ist nicht einfach. Die Installateurbetriebe sind ohnehin mit Aufträgen ausgelastet und scheuen zusätzliche Komplexität. Anbietende für die PVA-Installation konzentrieren sich zumeist auf ihr Kerngeschäft, den Anlagenbau, während sich Heizungsprofis auf die Installation von Wärmepumpen beschränken usw. Zu ihrer brüchigen Angebotskompetenz gesellt sich die vielerorts mangelnde Nachfragekompetenz bei Immobilienbesitzenden. Hinzu kommt der bisher eher geringe bzw. unklare finanzielle Nutzen.
Einsparungen mit EMS ergeben sich aktuell vor allem durch die Optimierung des Eigenverbrauchs. Dynamische Stromtarife oder die Nutzung von Flexibilität, die EMS ermöglichen, bietet die Stromwirtschaft aktuell kaum an – abgesehen von lokalen Hoch- und Niedertarifen stehen monetäre Vorteile hauptsächlich Grossverbrauchern offen. Das mag sich mit der voraussichtlichen Annahme des Mantelerlasses durch das Stimmvolk ab dem 9. Juni 2024 rasch ändern.

Montage Photovoltaikanlage auf einem Dach der Siedlung 18.

Merkmale der PVA-Lösung der Siedlung 18
Die GBRZ hat in ein fortschrittliches EMS investiert und die dafür nötigen Anpassungen in der Hausverteilung vorgenommen. Sie hat einen Zusammenschluss zum Eigenverbrauch (ZEV) für die gesamte Siedlung gegründet. ZEV ist die Nutzung von lokal erzeugtem Strom vor Ort. Die GBRZ erzeugt Solarstrom aus der PVA auf ihren Dächern und liefert sie über einen Energiedienstleister – im Falle der Regensdorfer Siedlung 18 ist dies die Firma Mieterstrom – an ihre Bewohner. Dafür mussten mit den Genossenschaftern der Siedlung vorgängig Verträge abgeschlossen werden. Neu läuft die Abrechnung ihres gesamten verbrauchten Stroms direkt über den Energiedienstleister Mieterstrom und nicht über das Energiewerk. Natürlich produziert eine PVA aufgrund von Jahreszeit, Tageszeit und Witterung nicht regelmässig Strom. So muss weiterhin Strom aus dem Versorgungsnetz bezogen werden. Mieterstrom übernimmt die Abrechnung und die Verwaltung des Strombezugs.

Wie unsere Baugenossenschaft durch Solarstrom Kosten spart und Autarkie fördert
Der Verkauf vor Ort ist für unsere Genossenschafter ein Gewinn auf der ganzen Linie: Die Anlagen der GBRZ werden ökologischer, während gleichzeitig für unsere Genossenschafter als Stromkunden die Nebenkosten sinken. Unsere Genossenschafter profitieren direkt von einer erneuerbaren, hauseigenen Energiequelle. Die Lebensdauer einer Anlage beträgt zwischen 25 und 30 Jahren. Ein PV-Modul in der Schweiz produziert etwa 10- bis 20-mal mehr Energie als für seine Herstellung (inkl. Transport und Montage, Wechselrichter und Kabel) benötigt wurde, d. h. eine PV-Anlage ist in 1 bis 2 Jahren energetisch amortisiert – ein entscheidender Schritt in Richtung einer nachhaltigeren Zukunft. Die GBRZ zielt nicht nur auf Umweltschutz, sondern auch auf Autarkie ab. Mit jeder fortschrittlichen Solaranlage gehen wir auch einen entscheidenden Schritt in Richtung einer autonomeren Zukunft. Unser eigenproduzierter, grüner Strom deckt mehr als ein Drittel des heutigen Strombedarfs der Siedlung ab. Durch die Installation von PVA auf den Dächern unserer Wohngebäude können wir die Stromkosten für die Genossenschafter und auch die Verwaltung senken. Diese Einsparungen werden direkt an unsere Mitglieder weitergegeben. Jedes Kilowatt, das wir selbst produzieren, stabilisiert unsere Energiekosten, selbst bei schwankenden Marktpreisen.

Autarkie und Lokale Elektrizitätsgemeinschaften (LEG)
Am 9. Juni 2024 wird die Schweizer Bevölkerung über das LEG abstimmen. Bei seiner Annahme wird sich eine ganze Reihe von Gesetzen ändern. Unserer Genossenschaft wird es Wege ebnen, um weitere ökologische und ökonomische Vorteile für unsere Mitglieder zu erzielen. Beispielsweise wird es uns ermöglichen, über die Grenzen unserer Siedlungen hinaus zu denken und Energiegemeinschaften zu bilden. Das bedeutet, dass wir Solarstrom nicht nur innerhalb einer Siedlung verwenden, sondern überschüssigen Strom innerhalb einer Gemeinde teilen können. Teilung von Energie über Siedlungsgrenzen hinaus wäre ein revolutionärer Schritt in der Energieversorgung und böte eine robuste Antwort auf die Herausforderungen des Klimawandels. 

Wir könnten künftig weitere Vorteile evaluieren. Man denke beispielsweise an bidirektionales Laden. Jedes E-Auto hat eine Batterie, manche sprechen sogar davon, dass jedes E-Auto eine Batterie sei. Mehrere zusammengenommen ergäben die Speicherkapazität eines ziemlich grossen Stausees. Mit einer Ladestation, die nicht nur laden, sondern auch entladen kann – eine sogenannte bidirektionale Ladestation – könnte dieser Speichersee angezapft werden. Die notwendige Technologie dafür ist vorhanden, allerdings fehlt es auch hier noch an der gesetzlichen Grundlage, die mit dem Mantelerlass Strom geschaffen würde. 

Diese Überlegungen verdeutlichen die Kraft und die Möglichkeiten des genossenschaftlichen Gedankens «Zusammen sind wir stärker». Durch genossenschaftliche Anstrengungen können wir die Umwelt schützen und gleichzeitig finanzielle Vorteile für alle Genossenschafter realisieren.

Zukunftspläne
Unsere Zukunftspläne umfassen die sukzessive Erweiterung unserer Solarstromkapazitäten und die Nutzung innovativer Technologien zur Energiespeicherung. Aktuell erarbeiten wir weitere PVA-Projekte an diversen Standorten. So sollen in den laufenden Ersatzneubauten in Rümlang und Tagelswangen PVA installiert werden. Als nächstes stehen PVA-Projekte der Holunderhof-Siedlung 8 sowie der Siedlungen 3 und 4 kurz vor Realisierungsstart. Weitere Anlagen werden folgen. Bei jeder Projektplanung prüfen wir im Einzelfall, welche technische Lösung und wirtschaftliche Abrechnungsart für den jeweiligen Standort am besten ist. Genossenschafter sind gebeten, uns allfällige ZEV-Verträge, die sie zur Unterschrift erhalten, jeweils rasch zu retournieren. Als GBRZ engagieren wir uns für nachhaltige Entwicklung und tun alles dafür, dass wirtschaftliche und ökologische Interessen Hand in Hand gehen können. Unsere Investition in Solarenergie und die Schaffung einer Energiegemeinschaft in der Siedlung 18 sind beispielhaft für unser Engagement für unsere Mitglieder und die Umwelt. Wir sind stolz darauf, Pionierarbeit in diesem wichtigen Bereich zu leisten und freuen uns darauf, unsere Vision einer nachhaltigen und autarken Gemeinschaft gemeinsam mit unseren Genossenschaftern weiter zu verwirklichen. 

Grundlagen der Solarenergie und gesetzliche Rahmenbedingungen

Photovoltaik (PV)
Photovoltaik bezieht sich auf die Technologie, mit der Sonnenlicht direkt in elektrischen Strom umgewandelt wird. Dies geschieht durch Solarmodule, die auf Dächern oder anderen Flächen installiert werden können. Die so erzeugte Energie ist nicht nur umweltfreundlich, da sie keine schädlichen Emissionen produziert, sondern sie reduziert auch die Stromkosten für die Nutzer.

Zusammenschluss zum Eigenverbrauch (ZEV)
Der Zusammenschluss zum Eigenverbrauch (ZEV) ist ein Modell in der Schweiz, das es ermöglicht, dass mehrere Parteien, wie zum Beispiel die Mitglieder einer Wohnsiedlung, den vor Ort produzierten Solarstrom gemeinsam nutzen. Dies fördert nicht nur den Gemeinschaftsgedanken, sondern macht die Teilnehmenden auch weniger abhängig von traditionellen Energieanbietenden. Durch den gemeinsamen Verbrauch des erzeugten Solarstroms werden Energiekosten gesenkt und die Energieeffizienz wird erhöht. 

Lokale Elektrizitätsgemeinschaften (LEG)
Das LEG ist eine gesetzliche Neuerung, die es Energiegemeinschaften erlaubt, selbst erzeugten Strom nicht nur für den Eigenbedarf zu nutzen, sondern auch über die Grenzen des eigenen Grundstücks hinaus zu teilen. Dies erweitert die Möglichkeiten der lokalen Energieerzeugung und -nutzung und unterstützt den Aufbau von nachhaltigen, energieautarken Gemeinschaften.

Diese drei Elemente – PV, ZEV und LEG – spielen eine zentrale Rolle in der Transformation unserer Energieversorgung hin zu mehr Nachhaltigkeit und Unabhängigkeit. Sie ermöglichen es uns, aktiv an der Energiewende teilzunehmen und gemeinsam eine umweltfreundlichere Zukunft zu gestalten.