«inside» Nr. 1 / Mai 2021

Siedlungen / Rümlang

Das Leben schreibt die schönsten Geschichten

Es ist späte Mittagszeit und Essensdüfte liegen in der Luft der Hausgänge. Wir besuchen zusammen mit Hauswart Silvio Hausammann seine Siedlung Rümlang. «Eine Besichtigung ohne Augenschein in einer Wohnung ist nur eine halbe Sache», sagt Silvio. «Ich kenne Ruth schon lange. Wenn wir sie stören, so sagt sie es bestimmt», und schon hat er geläutet, ohne meinen Protest zu erhören.

So lerne ich Ruth Shutie, eine 75-jährige Frau mit wachen, freundlichen Augen und viel Lebensfreude kennen. Spontan und sympathisch bittet Ruth uns herein. Sie habe Zeit für einen Schwatz und freue sich über unseren Besuch. Wir sollten bitte ihre Trainerhosen entschuldigen – sie habe noch mit ihrem Hula-Hopp-Ring turnen wollen.

Bei einem Kaffee erfahren wir, dass Ruth 1969 zusammen mit ihrem damaligen Mann in die Siedlung Rümlang eingezogen ist. Sie war damals schwanger und arbeitete als Dentalhygienikerin in Zürich. Es war praktisch unmöglich, dort eine bezahlbare Wohnung zu finden. Sie habe Rümlang nur als kurzen Lebensabschnitt gesehen.

Irgendwann später wollte Ruth zurück an den Ägerisee, wo sie aufgewachsen war. Der türkisblaue See gilt noch heute als Perle des Kantons Zug. Die Gegend ist nicht nur wegen ihrer Geschichte bekannt – hier bekämpften sich Habsburger und Eidgenossen in der legendären Schlacht am Morgarten –, sondern auch Schwimm- und Badebegeisterte kennen den See. Das Lido Unterägeri mit Sandstrand, Liegewiese, Wasserrutschen und Sprungtürmen hat alles, was Badeausflügler sich wünschen.

Rümlang entpuppt sich als Glücksfall

Kurz nach Einzug läuteten die Nachbarn und stellten sich vor. Zur Geburt von Tochter Denise gab es Geschenke, an die sie sich noch heute erinnert – so sehr müssen diese Gesten sie gerührt und gefreut haben. Die Nachbarin Frau Kalberer nahm sie gleich mit in den Turnverein. So wuchs das Beziehungsnetz von Ruth rasch an. Einige Nachbarn wurden im Laufe der Jahre zu einer zweiten Familie. Viele waren Hausfrauen und Mütter wie sie. Häufig verbrachten sie ihre Freizeit gemeinsam im Hof. Während die Kinder spielten, schwatzten sie über Gott und die Welt, tauschten Rezepte und Tipps aus. Sie unternahmen immer mal wieder Ausflüge. Einmal fuhren alle mit Kind und Kegel zu den Höllgrotten nach Baar, ein andermal besuchten sie den Zoo. In einem Sommer bastelten sie für die Kinder ein Gartenhäuschen aus Karton. Für die Kleinen wurde das Häuschen ein Riesengaudi – sie bemalten es voller Freude mit Blumen. Einmal im Jahr waren die Wohnungskontrollen der Gesprächsstoff der Frauen. Grossputz war dann angesagt! Die Equipe, die kam, leuchtete sogar mit einer Taschenlampe in die Backöfen. Keine Frau wollte sich die Blösse geben und so putzte jede die ganze Wohnung während Tagen sorgfältig heraus. Längst war ein Wegzug für Ruth kein Thema mehr und Rümlang zur zweiten Heimat geworden. So zügelte die junge Familie – sie war unterdessen zu viert – in die grössere Wohnung vom damaligen Präsidenten Loosli.

Gesellige Anlässe

Ruth bietet uns zum zweiten Mal selbstgebackenen Kuchen an. Das erste Angebot hatten wir verlegen ausgeschlagen, jetzt nehmen wir es dankend an und geniessen köstlichen Schoggi- und Zitronenkuchen. Ruth erzählt uns von wunderbaren Gnossifesten. Siedlungsobfrau Lili Hänzi organisierte Feste, die zu Höhepunkten des Siedlungslebens wurden. Mit leuchtenden Augen erwähnt Ruth die Generalversammlungen. Früher wurden diese im Limmathaus durchgeführt. Der Bau dieses genossenschaftlichen Gebäudekomplexes fällt in die Gründerjahre der Röntgenhof. Das Limmathaus diente dem politischen und gesellschaftlichen Leben der Arbeiterschaft und seinem Alltag. Schon damals war eine Postfiliale darin eingemietet. Zusätzlich wurde eine Badeanlage mit «Wannenbädern und Brausen» darin betrieben, da in den 1930er-Jahren viele Mietwohnungen über kein Badezimmer verfügten. Heute ist dort die Eventlocation X-Tra untergebracht. Ruth erinnert sich, dass an der GV nach dem Geschäftlichen jeweils Fleischvögel und Kartoffelstock serviert wurden. Dann folgten Musik und Tanz. In der Röntgenhof wurde früher der Geselligkeit immer viel Platz eingeräumt – man zelebrierte die Zusammenkünfte und freute sich darauf.

Langfristiges Denken und Handeln

Ruth möchte später zweifelsfrei im geplanten Ersatzbau leben. Ihre heutige Wohnung sei zwar in die Jahre gekommen, aber noch einigermassen gut in Schuss. Sie hätte ihrer Meinung nach noch ein paar weitere Jahre gehalten. Ich erkläre ihr, dass Genossenschaften nicht in Jahren denken, sondern in Generationen. Wenn nur die Siedlung 13 zurückgebaut würde, wäre die Siedlung 14 schon in ein paar Jahren zwingend an der Reihe. Es liesse sich dann aber kein so gutes Projekt mit fantastischen Hofqualitäten, tiefen Mietzinsen und dem ausgeschöpften Mehr an Wohnungen realisieren, wenn das Ganze nicht in einem Projekt zusammengenommen wird. Ruth leuchtet dies ein – so habe sie es nie betrachtet. Ja, die Röntgenhof sei wirklich für Generationen ausgelegt. Wer wüsste dies besser als sie? Tochter Denise zog einmal fort, kam zwei bis drei Jahre später zurück und bezog ebenfalls in der Siedlung ihre Wohnung.

75 und kein bisschen alt!

Bevor wir uns auf den Weg machen, sprechen wir Ruth auf den bunten Hula-Hopp-Ring mit Massagenoppen an. Sie nimmt ihn und wir dürfen zuschauen, wie souverän sie ihn schwingt. Chapeau! Unsere eigenen Versuche scheitern allerdings kläglich. In mir hallen die Aussagen von Ruth noch nach. Was man kennt, wird vertraut und wächst einem ans Herz. Wenn Nachbarn aufeinander zugehen und neue willkommen heissen, gewinnt das Zusammenleben neue Qualitäten. Vertrautheit ist der Nährboden, auf dem Freundschaften und Heimat wachsen. Sonst bleibt man sich fremd oder kennt einander nur mit Namen und im Vorbeigehen. Dabei hat das Leben so viele wunderbare Geschichten für uns alle parat. Gott sei Dank hat Silvio an der Tür von Ruth geklingelt und meine Schüchternheit überhört.