«inside» Nr. 1 / Mai 2021

Siedlungen / Biodiversität

Bahn frei für die Igel im urbanen Raum

Unsere Wiedikoner Siedlung 22, entstanden im Jahr 1931, ist ein wunderschönes, üppig durchgrüntes Stück Stadt. Der hofseitige Grünraum entzückt und präsentiert sich sicher, sauber und gut gepflegt. Seit einigen Jahren wird hier in der Aussenraumpflege der Natur da und dort be­wusst mehr Raum zur freien Entfaltung gegeben.

Das Herbstlaub der Birken, der imposanten Platanen und anderer Bäume, verwelkte Stauden und verdorrtes Gras werden jeweils zusammengetragen und nahe an Rabatten und Hecken aufgeschichtet. Über das trockene Laub kommen dünne Äste und Holzreste, so dass dichtere Bereiche und Hohlräume entstehen. Diese im Siedlungsraum angelegten drei bis vier Laub- und Asthaufen sind jeweils rund einen Meter hoch. Die Haufen werden als «Igelheim-Zuhause» beschildert. So weckt man bei den Bewohnern Verständnis, Interesse und Sympathie für den Hauch von Wildheit im Siedlungsraum.

Die wilden Ecken bieten vielfältigen Lebensraum

In Zürich lebten in den 1990er-Jahren gemäss der Fachstelle SWILD zwischen 3’000 und 5’000 Igel. Es gibt Hinweise, dass die Igelpopulation in den letzten 25 Jahren um rund 40 Prozent abgenommen hat. Ein Ast- und Laubhaufen dient dem Igel als Unterschlupfmöglichkeit. Er kann für den ungestörten Winterschlaf und später im Frühling und Sommer für den Tagesschlaf, die Jungenaufzucht und auch als Nahrungsquelle genutzt werden, da das vermodernde Holz Insekten und Würmer nährt. Auch Zaun- und Waldeidechsen, Ringelnattern und Blindschleichen finden hier reichlich Nahrung und sichere Verstecke. Durch den Verrottungsprozess herrscht im Inneren des Haufens ein wärmeres Mikroklima. Unzählige Kleintiere wie Käferlarven und Ameisen ernähren sich dort vom toten Holz und sind unerlässlich und wichtig für den Zersetzungs- und Umwandlungsprozess im Kreislauf der Natur. Die verlassenen Frassgänge der Käferlarven dienen Bienen und Wespen als Brutstätten und Kinderstuben.

Auf Futter- und Partnersuche durch mehrere Gärten

Igel sind reviertreue Tiere. Reich strukturierte Grünflächen, Büsche und Asthaufen helfen zwar den Igeln, reichen allerdings allein nicht aus, um ihr langfristiges Überleben in der Stadt sicherzustellen. Die einzelnen Flächen müssen auch miteinander verbunden sein, das heisst, der Igel muss sie ungehindert und gefahrlos erreichen können, denn die nachtaktiven Tiere streifen auf Nahrungs- und Partnersuche gleich durch mehrere Gärten und legen dabei oft einige Kilometer zurück. Ihnen hilft, wenn Zäune so gestaltet sind, dass zwischen Boden und Zaununterkante 15 cm Durchlässe und Öffnungen vorhanden sind. In unserem Wiedikoner Quartier ist die Chance gross, dass man spätabends draussen einem putzigen Igel über den Weg läuft, vor allem im Herbst, wo die Stacheltiere besonders aktiv und eifrig auf Nahrungssuche sind, um sich den nötigen Winterspeck für die kalten Wintermonate anzufressen.

Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht

Hauswart Oliver Balzer lässt auch sonst Laub durch den Winter gerne liegen. Nur wenn das Laub zu pampig wird, trägt er es weg. Wenn er im Sommer den Rasen mäht, lässt er Inseln mit Blumen stehen. Das bietet den Insekten, die auf blühende Pflanzen angewiesen sind, eine Ausweichmöglichkeit und erfreut gleichzeitig das Auge der Bewohner. Sie danken es ihm. Manche unterstützen ihn gar in seinen Bemühungen, ihre Gartenanlage mit mehr Kleintieren zu teilen. Für Vögel haben sie neue Nistkästen aufgehängt. An Haken, wo früher Waschleinen hingen, baumeln Meisenknödel und Futterkästen. Zwitschernd und trällernd holen sich die Vögel von diesen einladenden Bars ihren Imbiss. Vor zwei Jahren legte der Gärtner auf den länglichen Kiesplätzen entlang der Wege auf Anraten des Hauswarts eine Magerwiese an und säte eine Blumenmischung. Den Kies trug er ab und verteilte ihn andernorts. Letztes Jahr tat sich auf der Magerwiese noch nicht viel. Vielfalt stellt sich in einem natürlichen Zeitfenster ein und dieses ist oft lange. Langsamkeit ist eben eine wichtige Qualität im Garten. Doch Oliver Balzer bleibt zuversichtlich: Eine schöne Blumenwiese wird kommen und mit ihr eine Vielzahl von Schmetterlingen! Aufmerksamen Spaziergängern sei noch Folgendes verraten: In der Siedlung gibt es einen Gingko zu entdecken. Dieser oft auch als «Urbaum» betitelte Heilpflanzenbaum ist in ganz Zürich äusserst rar und bereichert die Lebensvielfalt unserer Siedlung.